Karin Ostheimer-Sutter

Ich kann mich nicht daran erinnern, nicht geritten zu sein. Reiten ist wie Atmen. So fühlt es sich für mich zumindest an.
Von klein auf wusste ich, dass ich Reitlehrerin bin. Das ist einfach so. Ich habe mir das nicht ausgedacht.

Mit sechs Jahren stürzte ich das erste Mal ernsthaft vom Pferd und brach mir den Arm. Im Alter von neun nahm ich an meiner ersten Fuchsjagd teil, und mit 13 ritt ich eine komplette Jagd ohne Sattel.

Für mich war Reiten schon immer Dressur, Springen und Geländereiten; eine Disziplin allein machte es nicht komplett.

Aufgrund eines deformierten Hüftgelenks und der daraus resultierenden Operationen in meiner Kindheit, die weitere Eingriffe für ein künstliches Hüftgelenk absehbar machten, entschied ich mich zunächst für einen „sicheren“ Beruf und wurde Bankkauffrau.

Da meine Hüfte zunächst erstaunlich gut mitspielte, verfolgte ich bald meine Ausbildungen als Trainer, Reitlehrer und schließlich auch als Richterin. Für mich persönlich war und ist mein Wissen rund ums Pferd nur komplett, wenn ich selbst reite, richte und unterrichte - so schließt sich der Kreis.

Ein wichtiger Meilenstein waren meine Trainerausbildungen bei Martin Plewa, damals noch Leiter der Westfälischen Landesreit- und Fahrschule Münster.

Ein Mentor, den ich bis heute sehr schätze und der mich in meiner Idee der vielseitigen, abwechslungsreichen und trotzdem korrekten Arbeit nach den Richtlinien für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und der Skala der Ausbildung immer bestärkt hat.

In den letzten 35 Jahren habe ich mich intensiv mit den unterschiedlichsten Reitlehren und -methoden beschäftigt und auseinandergesetzt. Mit dem Ergebnis, dass ich immer wieder auf unsere Richtlinien zurückkomme. Immer. Ein unübertroffenes Ausbildungssystem, das sowohl gesundheitsfördernd für das Pferd als auch für den Reiter motivierend ist.

Nicht umsonst sind die Richtlinien für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung seit dem Jahr 2022 UNESCO-Weltkulturerbe.

Zugegebenermaßen kommt es auf den Ausbilder an, wie gut er unser Ausbildungssystem an den Reiter bringt, wie er es vermittelt.

Nur die Richtlinien lesen, hilft leider nicht; man braucht einen „Übersetzer“, einen „Mentor“, der Erfahrung hat und es gut und sinnvoll erklären kann.

Es ist eine meiner Stärken, dass ich gut erklären kann und daher den Reiter, wie aber auch das Pferd immer "dort abhole, wo sie stehen".

Ich mache seit Jahren Mentaltraining für Reiter, um ihnen ganzheitlich helfen zu können, immer mit dem Fokus auf Lösungsmöglichkeiten und Richtung.

Meine Hüfte wurde zwar nicht besser, aber wenn man will, geht vieles. In dieser Zeit bin ich die unterschiedlichsten Pferde geritten: klein, groß, dick, dünn, Freizeit- und Sportpferde. Ich habe viele Pferde eingeritten und viel Jungpferdeausbildung betrieben; meinen Trainer B (FN) Jungpferdeausbildung im Leistungssport bestand ich mit der Lütke-Westhues-Auszeichnung. Es ist so unglaublich schön und faszinierend, mit diesen Geschöpfen zu arbeiten. Es macht solchen Spaß, und man muss Pferde einfach lieben.

Zu dieser Zeit bin ich viel bei Uta Gräf geritten.

Sie hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass man mit feinen Hilfen und feinem Reiten bis in den höchsten Sport erfolgreich sein kann. Man muss nicht „würzen“ oder „grob werden“, sondern auf das Pferd hören.

Ich habe mittlerweile viele Freunde und Bekannte, einfach nette Menschen, die ebenfalls versuchen, im „guten Sinne“ mit Pferden zu arbeiten. Menschen, die es gut und richtig machen wollen, wobei „gut und richtig“ alles andere als leicht und einfach ist und nicht in einem Wochenendlehrgang zu erreichen. Um „richtig“ reiten zu lernen, um alles zu können, reicht ein Menschenleben nicht aus. Man hört nie auf zu lernen, niemals.

- Alles zu seiner Zeit

- Die Dosis macht das Gift

- Reell geht nicht schnell

- Es sind Richtlinien, kein Dogma

- Ich muss das Ganze sehen

- Das Pferd gibt den Weg und die Zeit vor

Wie vorauszusehen war, verschlechterte sich der Zustand meiner Hüfte im Laufe der Jahre.

Das hat mich sehr herausgefordert, aber auch motiviert, nach Lösungen, Wegen und Möglichkeiten zu suchen. Ich konnte mich zuletzt nur noch mit Krücken oder mit dem Rollstuhl fortbewegen. Reiten ging noch sehr lange, aber dann fing auch das an zu schmerzen. Meine Lebensfreude konnte es mir jedoch nicht nehmen.

Nach einer aufwändigen Hüftoperation im Jahr 2017, bei der nicht klar war, ob ich gelähmt werden würde, kämpfte ich mich aber schnell wieder zurück ins Leben.

Vor der Operation hatte ich so starke Schmerzen, dass Gehen fast unmöglich war, aber Schwimmen ging sehr gut. Ich schwamm fast täglich. Darüber stärkte ich meine Muskulatur und Kondition sehr, ohne das Hüftgelenk zu belasten.

Daher war ich so fit, dass ich tatsächlich nur sechs (!) Wochen nach der aufwändigen Operation wieder in den Sattel stieg - ein Ergebnis, mit dem niemand gerechnet hätte, außer mir!

An dieser Stelle möchte ich einen Menschen besonders erwähnen, der mich auf meinem gesamten Weg tatkräftig unterstützt hat: meinen Olli. Seit mehr als 20 Jahren ist er meine tragende Säule im Hintergrund. Olli hat mir in schwierigen Zeiten geholfen, immer wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen. Zudem gibt mir meine Familie immer wieder Halt, Unterstützung und tatkräftige Hilfe.

Als ich mich aufgrund meiner zunehmenden Hüftprobleme mehr auf das Dressurreiten konzentrierte und weniger im "wilden" Geländesport unterwegs war, gab er mir den nötigen Halt und eine neue Perspektive.

Ohne seine Unterstützung, seine Geduld und seine Liebe wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.

Ebenso danken möchte ich meinem Ausbilder Dieter Pankok, der mir mittlerweile seit Jahrzehnten mit Rat und Tat zur Seite steht und mir hilft, meine Pferde von Grund auf bis zur schweren Klasse auszubilden.

Aufgrund meiner eigenen körperlichen Einschränkungen habe ich mir schon immer Gedanken gemacht, wie funktioniert unser Körper biomechanisch. Welche Wechselwirkungen der Bewegungen haben wir?

Die Ärzte sagten mir, es sei unmöglich, sich mit dieser Hüfte "normal“ fortzubewegen, höchstens im Rollstuhl. Und mein Rücken müsste durch die jahrzehntelangen Fehlbelastungen komplett in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Das viele Reiten und auch das Schwimmen retteten mich. Es machte jahrelang meinen Rücken stark und gleichmäßig bemuskelt - ich hatte nie Rückenprobleme.

Und sofort kommt da für mich die Brücke zur Biomechanik der Pferde. Und dann schlage ich direkt den Bogen zu unseren Richtlinien und der Skala der Ausbildung.

Nur so funktioniert der Pferdesport gesunderhaltend für die Muskulatur und Gelenke. Alles hat eine Wechselwirkung. Deshalb sind unsere Richtlinien so gut und richtig.

Aktuell bin ich mit unserem 9-jährigen Dressurpferd „De Siro“ siegreich in Klasse M ** Dressur, sowie in der schweren Klasse Dressurpferde S siegreich unterwegs. Auch hier sehen wir, Stück für Stück, wie er sich weiterentwickelt. Das Pferd gibt den Weg und das Tempo vor. Er wird uns zeigen, wie schnell (oder auch nicht) wir arbeiten können. 

Im Jahr 2022 bin ich mit Working Equitation in Berührung gekommen.

Mich begeistert die Abwechslung, die es für alle Pferde bietet, es ist im Prinzip angewandtes Dressurreiten mit Anti-Schreck-Hindernissen und Gehorsamsabfragen. Es soll nach den Richtlinien und der Skala der Ausbildung geritten werden und auf dem Turnier wird auch nach diesen Kriterien gerichtet. Es fasziniert mich so sehr, dass ich eine Richterausbildung bei der WED begonnen habe, da es hier auch wieder um „meine“ Prinzipien geht, die Richtlinien und die Skala der Ausbildung.

Wir haben jetzt eine offizielle Regionalgruppe Saarland des WED gegründet, um hier im Saarland interessierte Kräfte zu bündeln.

Reiten - Lehren - Begeistern

Ich bin sehr glücklich, genau das tun zu können, was ich tue. Es ist einfach großartig, mit Pferden und Menschen arbeiten zu können, Wege zu zeigen und Lösungen zu finden. Und das alles mit tiefer Liebe zu dem Pferd.

Jean Claude Dysli - einer der grössten Horsemen unserer Zeit, aus der Schweiz stammend - sagte einmal auf einem Lehrgang zu mir: "Ihr habt in Euren Richtlinien beschrieben Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen. Es fehlt aber die wichtigste, die „Herzhilfe" [so nannte er das]. Ihr müsst die Pferde lieben, die Ihr reitet.“

Wie recht er hat!

- Pferde sind einfach toll

- Freude am Reiten, Freude an der Arbeit 

- mit gesunden, motivierten Pferden

In diesem Sinne,

Karin Ostheimer-Sutter